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Angedacht

 
Mittwoch, den 29. März 2017
Als der Hauptmann, der dabei stand, sah, dass er so verschied, sprach er, „Wahrlich, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen. Markus 15,39
„Dieser ist wahrlich Gottes Sohn gewesen.“ In das Gesicht des Heilands blicken wir in dieser Passionszeit. „Du edles Angesichte, was bist du so bespeit“, dichtet Paul Gerhardt in seinem Lied „O Haupt voll Blut und Wunden.“ Von der Demütigung des Heilands ist auf diesem Bild fast nichts zu sehen. Klare Formen zeichnen die Konturen eines Kopfes. Dem blaugrünen Grundton gibt der russische Maler Alexej von Jawlensky viele Farbnuancen mit. Vom dunklen Schatten auf der rechten unteren Wange und Mundpartie bis hin zu Blau auf der linken Seite. Ein bläuliches Rosa gibt diesem Gesicht in seiner rechten Hälfte eine gesunde Gesichtsfarbe. Dieses Gesicht Jesu ist ruhig und verklärt.

In dem Spiel mit Linien, Punkten und geometrischen Figuren entdecke ich mehr als ein Gesicht.

Der 1921 von Russland nach Deutschland ausgewanderte Jawlensky malt ab 1934 nur noch Gesichter Jesu, die eine große Ruhe ausstrahlen. Seine Meditationsbilder lassen mich tief blicken. Mit dem russisch-orthodoxen Maler blicke ich wie in eine Ikone, ein orthodoxes Glaubensbild. Es ist wie ein Anker für die Sehnsucht nach Gott.

Aus dieser Ikone strömt ruhendes Licht. Die Farben und Formen strahlen Ruhe aus. Besonders die Augen lassen mich zur Ruhe kommen. Sie sind geschlossen. Die Augen ruhen. Dieses Gesicht ruht. Dieses Gesicht des Heilands ruht in sich.

„Dieser ist wahrlich der Welt Heiland.“ Was wir von ihm bezeugen, ist ganz minimalistisch angedeutet. Die Locken, die seitlich herabfallen, erinnern an die Pejot-Locken der orthodoxen Juden. Die zwei spitzen Haarsträhnen an der Stirn deuten die Dor- nenkrone an. Der Schmiss auf der Stirn deutet Narben an, die vom Leiden Christi zeugen.

Und dennoch ruht dieses Heilandsgesicht, geht Licht von ihm aus. Wie es im Christuslied des Paulus heißt, dass er an die Gemeinde in Kolossä schreibt: Christus ist das Bild des unsichtbaren Gottes. Gott hatte beschlossen, mit der ganzen Fülle seiner Kraft in ihm gegenwärtig zu sein. Und er wollte, dass alles durch ihn Versöhnung erfährt. Denn er hat Frieden gestiftet durch das Blut, das er am Kreuz vergossen hat. Er hat euch als sterblicher Mensch durch seinen Tod die Versöhnung geschenkt. „Wahrlich dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen.“ In dieser Ikone erscheinen mir das wahre Angesicht Gottes und zugleich das wahre Antlitz des Menschen. Nach unten hin schließt das Kinn das Gesicht ab. Das soll bedeuten: Das Leben dieses menschgewordenen Gottes mit Namen Jesus von Nazareth ist ein irdisches. Nach oben hin übersteigt der Kopf den Rahmen des Bildes. Das zeigt: Jesus eröffnet als Christus den Blick nach oben zu Gott

 

hin. Die Geschichte Gottes endet nicht an Golgatha, sondern geht weiter. Sie geht weiter über den Horizont meines irdischen Lebens hinaus. Auch Jesu Liebe geht weiter als jede menschliche Liebe. Sie reicht über den Tod hinaus.

Die großen Flächen der Wangen in der Mitte vermitteln Ruhe. Wie ein Ruheort schaue ich in dieses gelassene Gesicht. Nichts verstellt dieses Gesicht. Ganz ruhig ist da Platz für mich. Hier kann ich ankommen mit meiner Sehnsucht nach Gott. Und vielleicht hat der Heiland einen Blick für mich, wenn ich mich bei ihm bergen will. Er ist mein Heiland. Er schenkt mir einen Ort, an dem es mir gut geht. An dem ich Heil erfahre. An dem ich heil werde von allem, was mich belastet und mir die Freude am Leben trübt. An dem ich bleiben kann im Leben wie im Sterben. Wer so glauben kann, der lebt wohl. Und selbst im Sterben wird er von seinem Heiland nicht verlassen. Er schaut ihn mit Gnaden an.

Pfr. Ingolf Kriegsmann